Kürzlich zitierte die AfD aus einer Umfrage des renommierten amerikanischen Meinungsforschungsinstituts “Pew”, wonach neunundneunzig Prozent der Afghanen die Scharia als offizielle Gesetzgebung ihres Landes befürworten. Die AfD mag eine rechtsradikale Partei sein, der man nicht so leicht Glauben schenkt, aber das Zitat ist korrekt. Kritisieren kann man, dass die Umfrage schon acht Jahre alt ist und man nicht weiss, ob heute, nach der neuerlichen Machtübernahme der Taliban, der Anteil der Schariabefürworter immer noch dermassen hoch ist.
Ich persönlich hege sogar Zweifel an der Akkuratesse dieser Umfrage, denn in manchen Ländern müssen Meinungsforscher auf dubiose Ortskräfte zurückgreifen, um Umfragen durchzuführen, was diese anfällig macht für Manipulation. Selbst für ein Land wie Afghanistan sind neunundneunzig Prozent Schariabefürworter jedenfalls enorm hoch, dass man sich fragt, ob hier alles mit rechten Dingen zugegangen ist.
Beides also könnte man der AfD vorwerfen: Eine alte Statistik und diese auch noch viel zu gutgläubig verwendet zu haben. Die Faktenchecker von “Correctiv” stören sich aber an etwas anderem: Am guten Ruf der Scharia, der hier angekratzt wird. Denn angeblich fehle der Kontext.
Den liefern eine Johanna Pink, Expertin für magische Islamwissenschaften, und ein Mathias Rohe, Fachmann für heiteren Unsinn, die man konsultiert hat, nach. Man könne ja so unglaublich viel unter Scharia verstehen und deswegen, auf eine mystische Weise, sind neunundneunzig Prozent dann eben doch nicht neunundneunzig Prozent, sondern irgendwie etwas anderes.
Dass es überhaupt keine Geige spielt, was im einzelnen unter Scharia verstanden wird, kommt den Faktencheckern gar nicht in den Sinn. Wie der britische Islamwissenschaftler Michael Cook (Ancient Religions, Modern Politics, 2014) einmal festgestellt hat: Die Scharia fusst auf der Überzeugung, dass mit ihr Gottes Recht den Grad der Vollkommenheit erreicht hat.
Zwar gab es in der Praxis die Koexistenz mit menschengemachten Rechtsgrundsätzen, schreibt Cook, indem islamische Juristen die Scharia geschickt den Erfordernissen der Zeit anzupassen wussten. Die Juristen wagten es jedoch nie, völlig neue Rechtsprinzipien einzuführen. Dazu fehlte auf Erden die nötige Autorität.
Wer die Scharia zum offiziellen Gesetz machen will, kann daher nicht zugleich Anhänger der liberalen Demokratie sein. Entweder hat Johanna Pink die Fragen, die man ihr gestellt hat, falsch verstanden oder “Correctiv” hat die Fragen so gestellt, dass das Gewünschte dabei herauskommen musste: Pink nämlich erzählt die ganze Zeit, soweit von “Correctiv” zitiert, nur, was die Scharia, die es nicht gibt, eigentlich ist.
Die Frage aber, was es bedeutet, die Scharia zum offiziellen Gesetz zu machen – worum es bei “Pew” geht –,wurde entweder nicht gestellt oder nicht beantwortet. Sie bedeutet nämlich die Einführung von Scharia-Gerichtshöfen, die wiederum den Scharia-Gelehrten unterstehen, deren Ermessensspielraum sich auf das begrenzt, was innerhalb der orthodoxen islamischen Jurisprudenz möglich ist.
Zwar ist denkbar, staatlicherseits die Zuständigkeit der Scharia-Gerichtshöfe zu beschneiden und auf das Personenstands- und Erbrecht zu begrenzen, wie man es im Ägypten des 19. Jahrhunderts getan hat, als weltliches, vor allem französisches Recht die Hauptgesetzgebung bildete. Aber dieses Experiment ist fehlgeschlagen, indem letztlich die Zuständigkeit der Scharia-Gerichtshöfe immer weiter ausgebaut wurde.
Denn die Scharia ist im orthodoxen sunnitischen Verständnis eben keine Wundertüte, aus der man sich einzelne Dinge herauspicken darf. Wer in einem muslimischen Kontext aufgewachsen ist, dürfte das wissen. Der Islamwissenschaftler Tilman Nagel hat schon vor Jahren das Scharia-Verständnis des von den Faktencheckern zitierten Mathias Rohe scharf kritisiert, der genau diesen Eindruck erweckt.
Rohe nämlich unterteilt die Bewertungskategorien menschlicher Handlungen nach der Scharia in eher diesseitsbezogene und eher jenseitsbezogene, was laut Nagel (Zu den Grundlagen des islamischen Rechts, 2012) der Intention der Scharia widerspricht und daher auch nur eine Aussenseiterposition unter den Rechtsgelehrten einnimmt. Damit “erschleicht” sich Rohe die Möglichkeit, die Scharia als Ausdruck von Säkularisierung darstellen zu können. Nagel hat dieses Vorgehen als unredlich kritisiert.
“Correctiv”, soviel Fairness muss sein, halte ich für eine durchaus seriöse Seite, die zuweilen respektable Recherchen abliefert (z.B. hier). Aber wenn es um den Islam geht, unternehmen selbst fähige Journalisten manchmal die seltsamsten geistigen Verrenkungen. Was tut man nicht alles, um den guten Ruf der Scharia zu retten.