Kategorien
Uncategorized

Der Skandal bleibt aus

Nicht unbedingt hilfreich, die allgemeine Skepsis gegenüber dem Islam abzubauen, ist der Umstand, dass manche seiner Wortführer die tatsächliche oder angebliche Diskriminierung von Muslimen nicht beklagen können, ohne ein gewisses Verstehen für das Vorgehen fanatischer Glaubenskrieger zu äussern.

So durfte auf dem von der Bundeszentrale für Politische Bildung im vergangenen September abgehaltenen IX. Zukunftsforum Islam eine junge, augenscheinlich vortragsunerfahrene Islamwissenschaftlerin “einführende Thesen” vortragen, in denen sie kräftig gegen die deutsche Gesellschaft austeilte, die doch so viele Ressentiments gegen den Islam und die Muslime hege, obwohl diese zu 99% auf dem Boden des Grundgesetzes stünden – nicht jedoch ohne die Anmerkung hinterherzuschieben, dass die Gewaltbereitschaft des verbleibenden Prozents nicht nur nichts mit dem Islam zu tun habe, sondern Ausdruck materieller Verhältnisse sei.

Die Referentin nannte das eine “neomarxistische Perspektive”. In Ihren Augen war es offenbar allein die soziale Ungerechtigkeit, die Menschen zu Gewalttaten veranlasst, die dann mit dem Islam nur vordergründig rechtfertigt werden. Einmal abgesehen davon, dass diese These zum einen die Frage aufwirft, warum sozial Benachteiligte sich so gern dem radikalen Islam zuwenden, anstatt dem gemässigten Islam, dem Origami oder dem Tarot, zum anderen, warum der Zorn über die erfahrene Ungerechtigkeit überhaupt religiös überformt werden muss, wird hier durch die Hintertür islamistischer Terror wenngleich nicht gutgeheissen, so doch faktisch legitimiert.

Oder nehmen wir den von den Medien so gehätschelten Theologen Mouhanad Khorchide. Es ist ja gut, wenn er bekennt, dass einige Positionen des “innerislamischen Diskurses” einer Überprüfung bedürfen. Dazu zählt er die Auffassung, dass Muslime besser seien als Nichtmuslime, was schon ein Gewaltpotential in sich berge und nicht erst vom sog. “Islamischen Staat” in die Welt gesetzt worden sei.

Bei dieser Kritik bleibt es dann aber nicht. Auch für Khorchide sind es die US-Truppen, “die Gewalt in die Region gebracht” haben, während er mit keiner Silbe die Gewaltherrschaft Saddam Husseins erwähnt. Sich über “unsere Doppelmoral in der Aussenpolitik” zu unterhalten, ist ihm ein dringendes Anliegen, der sog. “Islamische Staat” sei nur ein Symptom. Wofür, das erklärt er an anderer Stelle: “Die eigentliche Ursache der Gewalt ist die prekäre politische und soziale Lage von Menschen, die sich ausgegrenzt und gedemütigt fühlen.”

Und schon ist die Gewalt faktisch wieder legitimiert. Doch damit nicht genug. Denn jetzt ist an Khorchides Institut die Einrichtung einer Juniorprofessur für schiitische Studien angekündigt worden, die von einer „Stiftung für Islamische Studien“ über drei Jahre finanziert werden soll. “Ehrenvorsitzender” der Stiftung ist ein Mahdi Imanipour, der anlässlich einer Gedenkveranstaltung zum Todestag von Ajatollah Khomeini beklagte, dass es im Westen „sehr, sehr viele Missverständnisse“ bezüglich Khomeini gebe.

Khomeini nämlich habe auch als „Dichter und Mystiker“ gewirkt und sich als „Staatsmann“ dafür eingesetzt, „die Ungerechtigkeit in dieser Welt zu beseitigen.“ In der von der iranischen Botschaft herausgegebenen Zeitschrift „Spektrum Iran“ preist Imanipour Khomeini allen Ernstes als Begründer einer „religiösen Demokratie“ und behauptet, das iranische Volk stünde hinter dem System1. Dieses wiederum hebt sich von den Demokratien des Westens offenbar positiv ab:

Die Kritiken der letzten Jahrzehnte am Modell der westlichen Demokratie, welche diesen politischen Gedanken Schwierigkeiten bereitet haben, wie z.B. Minderheitsstimmen als Mehrheitsstimmen, Beeinträchtigung des öffentlichen Bewusstseins, die Herrschaft von Kartellen, Lobbyismus, der übermäßige Einfluss von Zionisten, Gegensatz zwischen nationalen Interessen und individuellen Freiheiten usw. zeugen von Problemen der liberal geprägten Demokratien.

Im glückseligen Iran dagegen kann man sich gewiss nicht über einen “übermässigen Einfluss von Zionisten” beklagen. Zu den Gründungsmitgliedern der Stiftung gehört auch Hamid Reza Yousefi, der unter dem Mantel der interkulturellen Philosophie eine ganze Latte von Schmeicheleienen für das iranische Regime bereithält. So bilde der Koranvers „Es gibt keinen Zwang im Glauben“ (2,257) die Grundlage für “das islamische Volksprimat” und garantiere den „Minderheitenschutz“ für Andersgläubige, darunter Sunniten, Juden, Christen, Zoroastrier und die „Bahai-Lehrmeinung“, „die alle ihren Glauben öffentlich ausleben dürfen“.2

Dass die “Bahai-Lehrmeinung” öffentlich ausgelebt werden dürfe, steht da in aller Unschuld. Die Ansichten von Imanipour und Yousefi lassen sich übrigens spielend leicht recherchieren, noch nicht einmal Persischkenntnisse sind vonnöten. Nun hätten wir nur noch gern gewusst, wie sich die Stiftung finanziert und welchen Einfluss sie auf den einzurichtenden Lehrstuhl zu nehmen gedenkt. In jedem Fall ist das eine feine Gesellschaft, in der Khorchide sich da befindet, aber Empörung erregt so etwas natürlich nicht.

Ebensowenig wie die Soziologin Naika Foroutan, die in ihrer Dissertation tolle Sachen schreibt. Auch sie weiss ganz genau, dass der Islamismus tiefere Ursachen hat, eine davon sei “in der weltweiten strukturellen Globalisierung zu finden.“3 Globalisierung an sich ist schon mal ganz schlecht, wenn sie aber “weltweit” stattfindet und auch noch “strukturell” daherkommt, dann herrscht Alamstufe Rot.

Denn die islamische Welt wehre sich dagegen, “dass ihr im Namen der Modernisierung westlicher Universalismus aufgezwungen werden soll.” Wer die Macht hat, der islamischen Welt kollektiv etwas aufzuzwingen, erfahren wir nicht, aber es muss aufhören: Nur so können wir zu einem “zutreffenderen Verständnis von nichtwestlichen Zivilisationen” gelangen.4 Das hätte ein Mahdi Imanipour nicht besser schreiben können und auch der Ajatollah hätte weise genickt. (Mehr zu Frau Foroutan hat Clemens Heni herausgefunden.)

Solche Äusserungen sind genausowenig ein Skandal wie die Hisbollah-Flagge, die sich die Professorin einer ostdeutschen Universität ungeniert ins Büro gehängt hat. Das alles ist heutzutage völlig normal, nicht nur in Deutschland. Wenn der islamistische Terror aber mit sozialer Ungerechtigkeit erklärt wird, sind alle Bemühungen, die Gewalt glaubhaft zu verurteilen, nur noch Makulatur. Dieses geistige Elend wird von einer süsslichen Dialogideologie übertüncht, die nichts mehr analysieren oder verstehen will, sondern nur auf eines abzielt: Auf eine Verständigung von Kollektiv zu Kollektiv.

Dann ist der Applaus sicher. Von welcher Seite auch immer.


  1. Diese Behauptung wiederholt er in seinem Aufsatz „Liberale Demokratie und die Erfahrung der religiösen Demokratie“, in: Demokratie im Islam: Analysen – Theorien – Perspektiven, hrsg. von Hamid Reza Yousefi, Münster 2014, 91-101, hier 98. Dort heisst es auch: „Zusammenfassend lässt sich behaupten, dass die Islamische Republik Iran in dieser Hinsicht eines der demokratischsten politischen Systeme unserer Zeit ist.“ Ebd. 99. 
  2. Hamid Reza Yousefi, „Islamisches Volksprimat: Grundsätze und Paradigmen am Beispiel des Iran“, in: Demokratie im Islam: Analysen – Theorien – Perspektiven, hrsg. von Hamid Reza Yousefi, Münster 2014, 51-73, hier 55. 
  3. Naika Foroutan, Kulturdialoge zwischen dem Westen und der islamischen Welt: Eine Strategie zur Regulierung von Zivilisationskonflikten, Wiesbaden 2004, 9. 
  4. Ebd. 157.